BaZ: «Ein Herz auf zwei Beinen»

Published On: December 12th, 2025

So nannte Jane Fonda einmal Arthur Cohn. Nun ist der grosse Basler Filmproduzent und mehrfache Oscargewinner 98-jährig in Jerusalem gestorben.

Mai 2000: Arthur Cohn zeigt in seinem Büro in Basel seine sechs Oscars.

Lieber Arthur, wie soll ich beginnen?

«Anfang und Schluss machen den Film» – hast Du einmal gesagt. «Das gute Drehbuch aber ist das Wichtigste!»

Du hast die Drehbücher immer wieder neu schreiben lassen. 10-mal. 50-mal. Die Autoren zitterten schon, wenn Du anriefst: «Ich finde die Dialoge fantastisch … allerdings hätte ich da einen Vorschlag … !»

Du hattest immer Vorschläge. Und jeder Vorschlag war ein Befehl.

Unser Drehbuch ging 1985 etwa so:

Die Redaktion: «Da hat ein Basler einen Oscar gewonnen. Geh dem einmal nach … Cohn. Arthur Cohn …»

Der Schreiber: «Cohn? – nie gehört!»

Ich war nicht der Einzige. Die wenigsten kannten damals Deinen Namen – dabei standen bereits drei der begehrten Hollywood-Männchen in Deiner Vitrine. Aber das interessierte in Basel keinen.

Dein Sekretär gab mir Anweisungen: «Er kommt direkt aus Los Angeles. Und er trifft Sie in der Kunsthalle.»

Als der Mann mit der schwarzen Mähne (die er später von den berühmtesten Figaros der Welt nachdunkeln liess) und den zu kurzen Hosen (sie waren immer zu kurz!) auftauchte, war mein erster Gedanke: «Das ist der Chauffeur …»

Arthur Cohn, 1992 in Basel fotografiert.

Liv Ullmann ist es ähnlich ergangen: «Ich war am Vorabend der Oscarverleihung an einem Cocktail. Und ich bat den Kellner um ein Glas Champagner. Er brachte ihn sofort …»

Als am andern Tag im Dolby-Theater die Sieger ausgerufen wurden, jagte Liv Ullmann elektrisiert von ihrem Sessel hoch: «My waiter wins an Oscar …»

Es ist eine der vielen Hollywood-Anekdoten, die über Dich kolportiert werden. Wie auch, dass die weiblichen Stars wie Faye Dunaway oder Meryl Streep zum Acetonfläschchen griffen, wenn sie zu Deinen legendären Nachtessen im Beverly Hills eingeladen waren. Du warst auf rote Nägel allergisch wie andere auf Austern oder Hundehaare.

«Arthur – wir haben Hunger!»

Shirley MacLaine

Wir sassen also in der Kunsthalle. Du bestelltest eine halbe Grapefruit. Und es war immer eine halbe Grapefruit – ob im Ritz nach der Ordensverleihung oder bei Spielbergs Mutter im Milky Way («Sie ist einfach goldig!») Essen hat Dir null bedeutet – wichtig waren Dir die Menschen, die Du an Deine Teller holtest. So wichtig, dass Du jeden Einzelnen vorgestellt hast. Diese Prozedur mit allen eingebauten Histörchen konnte dann gut drei Stunden Warten auf die Suppe dauern. Entsprechend hat Shirley MacLaine bei Deiner Rede einmal energisch ans Glas geklopft: «Arthur – wir haben Hunger!»

Über Deiner Grapefruit hast Du mir dann von Deinen Eltern erzählt: die Wurzeln! Sie waren sehr wichtig – die Wurzeln. Und die Familie.

Dein Grossvater ist der erste vollamtliche Rabbiner der Israelitischen Gemeinde in Basel gewesen. Du bist in der jüdischen Tradition aufgewachsen – doch ohne dass sie dich eingeengt hätte: «Die Eltern haben mir Flügel gegeben. So konnte ich frei sein. Das war das grösste Geschenk!»

Dieses Statement hast du in allen Interviews wie ein Mantra wiederholt.

Sicher ist, dass Deine Mutter Rose Dir das Musische vererbt hat. Sie schrieb Texte für das Cabaret Cornichon. Du wolltest auch schreiben. Wurdest Journalist beim «Echo der Zeit». Und hast auch Fussball kommentiert. Fussball war Deine Leidenschaft – und der FC Basel die ganz grosse Liebe.

Ich erinnere mich an die Drehtage von «Abril Despedaçado» im Urwald von Brasilien. Es gab weder Telefon noch Funkempfang. Es gab gar nichts. Nur Hitze. Und ein totes Dorf.

Wir wohnten in verlassenen Lehmhütten. Gedreht wurde nachts. Aber an allen Sonntagen musste einer der brasilianischen Helfer stets drei Stunden in einem Jeep zur nächsten grossen Ortschaft fahren, um herauszufinden, ob Dein geliebter FCB gewonnen oder verloren hat.

Du liebtest den Job als Fussballreporter – doch Dein Traum war der Film. Du begannst Drehbücher zu schreiben. Dein Vater kannte den Präsidenten der Warner Brothers. Dem hast Du Deinen Erstling «Am Leben vorbei …» geschickt. Das Manuskript kam postwendend retour. Mit der Bemerkung: «Am Film vorbei …»

Niemand konnte Deine Träume zerstören.

Niemand konnte Deine Träume zerstören. Du schriebst weiter Scripts. Startetest als Produzent mit kleinen Dokumentarfilmen. Und holtest mit «Sky Above, Mud Below» gleich den ersten Oscar.

In Rom, wo Du damals lebtest, war es dann Vittorio de Sica, der Dich inspirierte. Er war bereits eine Regielegende – und wurde Dein Mentor. Beim Dreh zu den «Gärten der Finzi-Contini» kam es zum Streit. Der Schluss passte Dir nicht. Und de Sica wollte sich nicht von seinem jungen Produzenten dreinreden lassen. Trotzdem hast Du die letzten Sequenzen neu gedreht – und de Sica tobte: «Streiche meinen Namen! Ich will mit diesem Film nichts zu tun haben!»

Als «Finzi-Contini» den Oscar gewann, schrieb de Sica ein Telegramm: «Du darfst jetzt meinen Namen wieder verwenden …»

Du hast so ziemlich alle Preise und Ehrungen abgesahnt, die man in diesem harten Business bekommen kann. Die Boston University verlieh Dir den Ehrendoktor – und natürlich konnte da auch Basel nicht nachstehen. Das französische Kulturministerium überreichte Dir den Orden «des Arts et des Lettres». Du hast den Orden nie angesteckt. Aber den riesigen Presseaufmarsch und die Rede Deines Freundes Michel Piccoli genossen.

Arthur Cohn an der Seite von Al Pacino.

Auf dem Hollywood Walk of Fame haben sie Dir als ersten Produzenten ohne US-Pass den berühmten «Star»  ins Pflaster eingelegt. (Es war Jane Fonda, die als Deine Taufpatin den berühmten Satz in der Laudatio gesprochen hat: «Arthur ist ein Herz auf zwei Beinen») – und 2019 hat die Cinema-for-Peace-Fondation Dich schliesslich für Dein Lebenswerk ausgezeichnet.

Deine Filme haben immer berührt. Es gab keine explosiven Actionszenen. Keinen stöhnenden Sex. And no Crime! All dies machte es schwierig, die Streifen zu Kassenschlager werden zu lassen. Sie brachten Anerkennung – aber Du bliebst in dem Haibecken der Filmwelt immer ein kleiner Neonfisch; ein Aussenseiter, der wunderbar leuchtete. Aber mit dem die Filmbosse nicht den grossen Fang machen konnten.

«In Hollywood sind die Menschen einsam.»

Arthur Cohn

Trotzdem gab es wohl kaum einen andern Filmmenschen, den Hollywood so verehrte wie Dich. Einmal hast Du es mir erklärt: «In Hollywood sind die Menschen einsam. Nicht nur in Hollywood – aber hier im grossen Filmgeschäft ganz speziell. Sie brauchen jemanden, der ihnen zuhört. Und sie anruft – auch wenn er nichts von ihnen will. Freundschaften sind in unserm Job selten.»

Du warst der beste Freund von allen. Du hast diese Freundschaften gepflegt – immer wieder. Man konnte sich auf Dich verlassen. Und so etwas ist selten, nicht nur in der Filmwelt.

Du warst so wunderbar wie die Sonne an einem kalten Tag. Du konntest trösten, konntest mit Freunden lachen, konntest – und das war das Schönste – mit uns allen träumen. «Es ist wichtig, dass wir unsere Träume leben. Dann werden sie wahr», hast Du immer wieder gesagt.

Im späten Sommer 2021 warst Du zum letzten Mal in Deinem Basel, das Dir so ans Herzen gewachsen war. Du hast diese Stadt geliebt, ihre Menschen, ihre Fasnacht (Du bist jedes Jahr aus aller Welt für die drei Tage angereist).

Arthur Cohn bei einer Vorpremiere eines seiner Filme in Basel.

An jedem Empfang, jeder Pressekonferenz wurdest Du unser Botschafter – auch wenn in Shanghai oder Rio viele der Journalisten kaum etwas über Basel gewusst haben. Dank Deinem Werbespot «I am from Basel, Switzerland», den Du in die ganze Welt hinausgetrommelt hast, war die kleine Stadt immer ganz gross.

Dennoch – es gab vielen, eiskalten Neid in unserm Land. Zürich ignorierte Dich lange Zeit. Nach meinem Interview mit Dir zog der «Tages-Anzeiger» nach: «… der hierzulande weitgehend unbekannte Albert Cohn». Albert! Dummheit oder Boshaftigkeit. Doch Du hast selbst Deine Neider entschuldigt: «Die Schweiz tickt eben anders … In Amerika kann sich jeder über den Erfolg des andern freuen. Hier hat man Mühe damit. Alles, was über das Mittelmass geht, ist dem Eidgenossen suspekt.»

Damals im September, als Du mit vier Kuchen und den berühmten cohnschen Schoko-Mandeln (die Du ein Leben lang in alle Ecken dieses Erdballs verschickt hast), an jenem Sonntagmittag also, als Du vor meiner Tür standst, sah ich, dass Du müde geworden bist. Du hast nichts gesagt – ich habe mit Dir nie über den Tod geredet. Der Tod war ein Tabuthema wie Dein Alter. Aber ich sah in Deinen müden Augen, dass Du vor einer Entscheidung standest. Nur wenige Tage später hast Du Deine grosse Wohnung, wo zu den legendären Empfängen die ganze Filmwelt ein- und ausgegangen ist, aufgegeben.

Irgendeinmal kommt auch im wunderbarsten Film «The End».

Du hast Deinen Traum gelebt – aber irgendeinmal kommt auch im wunderbarsten Film «The End». Und der Abspann mit allen Namen und Erinnerungen. «Ein guter Schluss ist das Wichtigste», hast Du gesagt.

Wir haben einander umarmt. Und Du bist weggefahren – heim nach Israel, das Dir genauso am Herzen lag wie diese Stadt am Rhein. Heim zu Deiner Frau Naomi, zu Deinen Kindern, den Enkeln – heim zu Deiner Familie, welche Dir stets das Wichtigste war. Die Wurzeln eben.

Du hast damals Basel für immer verlassen – aber uns ein grosses Erbe zurückgelassen: den Mut, zu träumen. Und Träume zu leben.

Credit: Bazonline