NZZ: Sechs Oscars für einen Schweizer: Zum Tod des grossen Produzenten Arthur Cohn

Published On: December 12th, 2025

Mit ihm ist eine Legende Hollywoods gestorben. Arthur Cohn begann seine Karriere als Reporter in seiner Geburtsstadt Basel und stieg zu einem der wichtigsten Filmproduzenten ausserhalb der USA auf.

Arthur Cohn lebte für den Film. Er war vom Skript bis zum Schnitt an der Entstehung jeder Produktion beteiligt. Bis zuletzt hatte er das nächste Drehbuch, das nächste Projekt im Kopf und liess sich auch von dem schweren Einbruch, den die Filmindustrie unter den Lockdowns der Corona-Pandemie erlebte, nicht beirren. Er glaubte an das klassische Kinoerlebnis: «Es wird zurückkommen.»

Sechs Goldjungen: Arthur Cohn in seinem Basler Büro im August 2000.

Arthur Cohn lebte für den Film. Er war vom Skript bis zum Schnitt in der Entstehung jeder Produktion beteiligt. Bis zuletzt hatte er das nächste Drehbuch, das nächste Projekt im Kopf und liess sich auch von dem schweren Einbruch, den die Filmindustrie unter den Lockdowns der Corona-Pandemie erlebte, nicht beirren. Er glaubte an das klassische Kinoerlebnis: «Es wird zurückkommen.»
 
Nun ist Cohn im Alter von 98 Jahren in Jerusalem gestorben. Am Ende seines Lebens galt er als bedeutendster Filmproduzent ausserhalb der USA – und war doch in Hollywood verankert. Den ersten Oscar gewann Cohn 1961 für den von Pierre-Dominique Gaisseau inszenierten Film «Le Ciel et la boue», der im Laufe der Jahre einige Male den Titel wechselte.

Feine Antennen fürs Business

«Le Ciel et la boue» war der erste von drei Filmen, für die Arthur Cohn einen Oscar erhielt. Drei weitere Produktionen wurden, ohne seine Namensnennung mit derselben Trophäe ausgezeichnet, weshalb die Zahl seiner offiziellen Oscars in der Geschichtsschreibung manchmal divergiert. Nicht aber in Cohns eigener Rechnung: Er bezeichnete sich in Pressetexten als sechsfachen Oscar-Gewinner. Gesichert ist: Als erster nicht amerikanischer Produzent wurde Cohn 1992 mit einem Stern auf dem Hollywood Walk of Fame gewürdigt.

Bei seinem ersten mit einem Academy Award vergoldeten Film zeigte der angehende Produzent schon seine feinen Antennen fürs Business. Der legendäre Filmverleiher und -Finanzier Joseph Levine hatte Interesse an dem ungewöhnlichen Projekt gezeigt, doch besass er nicht die nötigen finanziellen Ressourcen für die Werbung. Levine konnte Cohn nur eine grosszügige Beteiligung am potenziellen Gewinn anbieten; Cohn akzeptierte.

Sein Optimismus und seine Risikobereitschaft zahlten sich aus: Die Produktion wurde ein Erfolg und legte den Grundstein für seine weitere Karriere. Oft traf Arthur Cohn, wie er sagte, seine Entscheidungen «aus dem Bauch heraus» – und ebenso oft gegen den Rat von wichtigen Leuten aus der Filmbranche. Viel Zeit und Sorgfalt aber verwendete er jeweils auf die Entwicklung einer ihm viel versprechend erscheinenden Filmidee: «Alles hängt von der Qualität des Drehbuchs ab.»

Die Arbeit daran nahm oft mehrere Jahre in Anspruch, auf die Güte der Drehbücher führte er den Erfolg seiner Filme zurück. Er scheute sich nicht, jungen Filmemachern Chancen zu geben: Drei seiner mit dem Oscar prämierten Filme sind Debüts. Auch im Fall von «Le Ciel et la boue» entdeckte Cohn das Potenzial des unbekannten französischen Regisseurs Gaisseau, der die Idee hatte, einen Film über Neuguinea zu drehen. Cohn sattelte mit seinem eigenen Gedanken auf, dass Überfluss für den Erfolg im Leben nicht notwendig sei: «Luxus hilft unter bestimmten Umständen, aber Luxus ist kein Grund, glücklich zu sein.»

Der Filmproduzent Arthur Cohn wird am 11. August 2000 in seinem Büro in Basel für die Fotoaufnahmen zurechtgemacht. Seinen sechsten Oscar hatte er im gleichen Jahr für «One Day in September» erhalten.

Und doch lebte «der elegante Mann mit jungenhafter Begeisterungsfähigkeit und glühendem Stolz, Charme und entwaffnender Ehrlichkeit», wie die Los Angeles Times einmal schrieb, in grossem Stil. Er liebte fürstliche Gesten, kannte alle Filmgrössen, von Meryl Streep bis Faye Dunaway. Doch er arbeitete nur selten mit ihnen: «Stars sind zu teuer für meine Filme. Al Pacino ist mir beim Film ‹Two Bits› sehr entgegen gekommen, weil er ihn unbedingt machen wollte, ebenso Michael Douglas bei ‹One Day in September›»

«One Day in September» ist ein Dokumentarfilm über die Geiselnahme in München 1972, während der ein palästinensisches Terrorkommando während der Olympischen Sommerspiele 1972 elf israelische Sportler entführte und tötete. Michael Douglas fungiert als Erzähler. Den Mogul Cohn, der im Leben alles erreicht hatte und bevorzugt im luxuriösen Beverly Hills Hotel in der Filmstadt logierte, interessierten vor allem Geschichten über Figuren in oft extremen Krisensituationen und Schwierigkeiten. Menschen, deren Kämpfe nicht immer glücklich endeten.

Ein Leben vom Judentum geprägt

Cohn wurde 1927 in Basel als Sohn eines Anwalts und einer Schriftstellerin geboren und wuchs auch dort auf. Die jüdische Herkunft prägte ihn tief. Sein Grossvater, ein Freund Theodor Herzls, war zwischen 1885 und 1926, mehr als 40 Jahre lang, der erste vollamtliche Rabbiner in seiner Heimatstadt. Cohns Grossvater sei es zu verdanken gewesen, so erinnerte sich der Enkel, dass Basel 1897 zum Schauplatz des ersten Zionistischen Kongresses wurde.

Cohns Vater Marcus war während der Nazi-Diktatur an einem Helfernetzwerk beteiligt, das lateinamerikanische Papiere an Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich, aus Osteuropa und anderen von den Nationalsozialisten besetzten Ländern vermittelte. Tausenden Verfolgten wurden gegen Geld falsche Pässe und Visa beschafft.

Unterdessen schrieb Mutter Rose mit Texten für «Cabaret Cornichon» gegen den Nationalsozialismus Stellung an. Nach 1948 beriet Cohns Vater den jungen jüdischen Staat juristisch. «Meinen Erfolg verdanke ich meinen Eltern», sagte Cohn später. «Sie gaben mir Wurzeln und Flügel. Sie lehrten mich ihre Glaubensgrundsätze, ihre Familientraditionen und ihre Religion.»

Immer wieder bestimmten jüdische Themen seine Filme, so auch sein wohl bekanntester: «The Garden of the Finzi-Continis» (1970). Vittorio de Sica, den Cohn als einen Mentor bezeichnete, verfilmte Giorgio Bassanis gleichnamigem Roman. Darin erzählt er eindringlich von italienischen Juden im heraufziehenden Faschismus, ohne die Katastrophe des Holocaust je direkt zu zeigen. Neun Verleiher lehnten den Film ab, der trotzdem ein Erfolg wurde. «Es wäre nicht falsch zu behaupten, dass die jüdische Identität in meiner Kunst präsent ist», erklärte Cohn später.

The Garden of the Finzi-Continis

Als junger Rundfunkjournalist arbeitete Cohn für die berühmte SRF-Sendung «Echo der Zeit», die es immer noch gibt. Zuerst schrieb er über Sport, später über Politik. Über die Situation im Nahen Osten verfasste er später mehrere Bücher. Das Thema begleitete ihn von Anfang an.

In den sechziger Jahren stieg er schliesslich ins Filmgeschäft ein, vor allem interessierte ihn die Herstellung von Dokumentationen. «Dokumentarfilmerei erforderte eine Fähigkeit, die ich als Sporteporter und bei meinen politischen Analysen gelernt habe», sagte er einmal: «Einen neugierigen Blick auf die Wirklichkeit zu haben.» Diesen hatte er, etwa in der 1991 von ihm produzierten, Oscar-prämierten Dokumentation «American Dream» unter der Regie von Barbara Kopple über streikende Arbeiter in Austin Minnesota, die verschiedene Seiten des Konflikts beleuchtete.

Dokumentation «American Dream» unter der Regie von Barbara Kopple

Der von ihm mitproduzierte, hochgelobte Film «Central Station» (1998) von Walter Salles begibt sich in die triste soziale Wirklichkeit Brasiliens und führt einen Halbwaisen auf ein Road Movie mit einer Fremden: Der Film lebt nicht von seinem voraussehbaren Finale, sondern von den subtilen Veränderungen, die das Kind (Vincius de Oliveira) in der Frau (Fernanda Montenegro) auslöst.

Ein Abenteuer bis zuletzt

Schon in seiner Journalistenzeit begann Arthur Cohn Drehbücher zu konzipieren, und seine grosse Liebe zum Film verliess ihn nicht mehr, bis ins hohe Alter. Als der von ihm produzierte Film «The Etruscan Smile» 2018 Premiere feierte, war Cohn 91 Jahre alt und hatte noch jede Menge Pläne.

In diesem Film, der als Abschiedswerk gelesen wurde, spielt Brian Cox einen Mann, der weiss, dass ihm nach einer Darmkrebsdiagnose nur noch drei Monate bleibe. Er sagt sich: «Das ist Zeit genug.» Zeit, um sich mit seiner Familie auszusöhnen und mit dem Leben abzuschliessen. Glaubt er. Doch es läuft nicht so glatt, wie er sich das vorstellt.

Der todkranke Mann tritt eine Reise an, auf der er in San Francisco noch einmal kulturelles Neuland betritt: Das Leben, ein Abenteuer bis zuletzt. So muss es auch Cohn gesehen haben, der aufhörte zu arbeiten, zu kämpfen und seinen Traum vom Kino zu leben.

1. Oscar für den Dokumentarfilm (1960, gemeinsam mit René Lafuite)

Credit: Marion Löhndorf, NZZ